Urbanes Zentrum

08.08.2018

3 Tage, 4 Bühnen, 40 Bands: Das „Way Back When“ 2018 in Dortmund bringt eine ordentliche Dosis Indie-Pop für den Pott!

Zum Ende der Festival-Saison trumpft die Festival-Stadt Dortmund noch einmal groß auf. Vom 28.-30.09. findet zum nunmehr fünften Mal das Indoor-Boutique-Festival „Way Back When“ in der Dortmunder City statt. Unser Blogger Patrick erklärt, was es damit auf sich hat und wen ihr nicht verpassen solltet. Foto: Louis Rohde

Wäre der Monat September ein Kind, es wäre wohl das mittlere einer Großfamilie. Irgendwo zwischen Sommer und Herbst gelegen, markiert der Monat September eine Phase des Übergangs.

Hätte ich in meinem Studium besser aufgepasst, könnte ich an dieser Stelle vielleicht noch eine aufschlussreiche (und vermutlich hochtrabende) wissenschaftliche Erkenntnis über die symbolisch aufgeladenen Übergangs-Rituale irgendeiner fremden Kultur einfügen. Habe ich aber nicht.

Deswegen bedeutet der Spätsommer für mich vor allem eins: Die Festival-Saison geht zu Ende!

Der September ist in diesem Sinne der Monat, in dem sich der musikalische Teil unserer Gesellschaft nach einer kurzen Verpuppungsphase von einer freizügigen Open-Air- zu einer eher zugezogenen Indoor-Konzert-Kultur verwandelt.

Mitten in dieser Zeit des Übergangs (jetzt reicht es aber mit den schwülstigen Wandel-Metaphern!) macht sich seit nunmehr fünf Jahren das Indoor-Boutique-Festival „Way Back When“ einen Namen und zelebriert auch dieses Jahr an drei Tagen alle aktuellen Facetten des Indie-Rock-Genres. Aber Moment einmal! - „Indoor-Bou…“, „Waybackwohin“? Bevor ihr jetzt sofort die Suchmaschine eures Vertrauens bemüht, lest einfach weiter!


Das Boutique-Festival „Way Back When“ in Dortmund

Handverlesenes Line-Up, besondere Orte, einzigartiges Festival


Must-Sees und Geheimtipps

An drei Tagen treten hier auf vier Bühnen, davon zwei Bühnen im FZW, eine im domicil und eine in der Pauluskirche, rund 40 Bands und Künstler auf. Auch wenn das Timetable noch nicht steht, lassen sich bereits jetzt ein paar Highlights und Geheimtipps zu einer kleinen Typologie zusammenfassen:


DAS PARADIES und RIKAS – eher so Typ Geheimtipp

Element Of Crime, Kettcar und Moritz Krämer sind bereits erklärte Fans des Singer-Songwriters Florian Sievers. Wenn ihr zu den ersten gehören wollt, die ihn noch vor seinem großen Durchbruch live erlebt haben, dann solltet ihr DAS PARADIES nicht verpassen.

Das gleiche gilt für die Gruppe RIKAS. Die Stuttgarter starten gerade mit ihrem Song „Tortellini-Tuesday“ durch. Und wenn es sowas wie den Indie-Sommerhit des Jahres gibt, dann call ich hiermit offiziell dibs auf RIKAS aktuelle Single.


CRIMER, DIE HÖCHSTE EISENBAHN und KAT FRANKIE – eher so Typ Mainact

Der Schweizer Shootingstar CRIMER ist seinen Eidgenossen schon längst ein Begriff, hier kennen den „Sonor singenden Mittelscheitel“ (Deutschland Funk) aber noch nicht viele. Wer den Synthie-Sound der 80er liebt, ist hier gut aufgehoben. Seine Single „Brotherlove“ ging vor ein paar Monaten viral und lässt auf mehr hoffen.

Felix Weigt, Max Schröder, Moritz Krämer und Francesco Wilking aka. DIE HÖCHSTE EISENBAHN stehen seit Jahren für anspruchsvolle Popmusik aus der Hauptstadt. Durch Auftritte und Kollabos, u.a. mit „Tomte“, „Olli Schulz“ und „Judith Holofernes“, wurden die vier Berliner in den Jahren seit ihrem Bestehen gleich mehrfach von den Großen im Geschäft geadelt. Also unbedingt hin - vor allem, weil es sich um den ersten Auftritt der Jungs in Dortmund handelt; und die Indie-Jünger unter euch wollen ja schließlich einen guten Eindruck machen!

Die australische Wahl-Berlinerin KAT FRANKIE ist spätestens seit ihrer Kollabo mit Konstantin Gropper aka. „Get Well Soon“, aus der heraus die Liebeshymne „When You’re Near to Me“ enstanden ist, allen Spex-Lesern ein Begriff. Dass sie auch ohne männliche Unterstützung abliefert und dabei ihren unverwechselbaren Sound in immer höhere Höhen treiben kann, muss FRANKIE nicht mehr beweisen, sie macht es einfach.


Walking On Rivers – Typ local heroes

Wenn man David Laudage von WALKING ON RIVERS das erste Mal hört, dann möchte man der Band direkt eine Herkunft aus London oder New York unterstellen.

Klickt man sich dann durch die Videos der Band, fallen einem neben dem mitreißenden Folk-Sound ab und an auch einige bekannte Gebäude im Hintergrund auf.

Ja, stimmt vollkommen, die vier sind echte Dortmunder Jungs! Und daher werden sie sicherlich eine treue und lokal ansässige Anhängerschaft mobilisieren - seid also nicht zu spät da!

Vollständiges Line-Up


Zuerst „Way Back When", dann auf die großen Bühnen

Bereits im ersten Jahr spielten die MIGHTY OAKS auf dem „Way Back When". Eine Band, die mit ihrem Indie-Folk schnell in den Radiostationen deutschlandweit hoch und runter liefen.

Im zweiten Jahr begrüßte Dortmund Bands wie ANNENMAYKANTEREIT, WANDA und BILDERBUCH. Insgesamt drei junge Künstler, die zu dem Zeitpunkt noch nicht in Dortmund gespielt hatten und mittlerweile in Locations wie die Warsteiner Music Hall auftreten oder das Juicy Beats Festival headlinen.

Auch in den Folgejahren waren mit VON WEGEN LISBETH (2016) und PORTUGAL. THE MAN (2017) zwei Bands auf dem „Way Back When" vetreten, die in dem jeweiligen Jahr mit ihren Singles „Wenn du tanzt“ (Von Wegen Lisbeth) und dem Sommerhit des letzten Jahres „Feel It Still“ (Portugal. The Man) durchgestartet sind.
 

All-inclusive ist out

In den letzten Jahren sprießen kleine Musik-Festivals mit einer Größe von maximal 10.000 Besuchern ja nur so aus dem Boden.

Tanzveranstaltungen wie das „Appletree-Garden“ in Diepholz oder „Rocken am Brocken“ im Harz locken den urbanen Hipster mit Konzepten in die Provinzen der Republik, die auf liebevolle Dekoration und eher kleine, mit Newcomern gespickte Line-Ups setzen. Vorbild hierfür ist das längst nicht mehr so kleine „Fusion“-Festival in Lärz (Mecklenburg-Vorpommern), für welches die heiß begehrten Tickets seit einigen Jahren nur noch über ein Losverfahren zu haben sind.

Zwar genießen Mega-Open-Airs wie der amtierende Platzhirsch „Rock am Ring“ immer noch große Beliebtheit, aber die Besucherzahlen schwinden seit 2016 stetig. Dabei folgt der gemeine Festival-Besucher einem allgemeinen Trend in unserer Kultur. Denn so wie das Konzept Pauschaltourismus nicht mehr in das Instagram-Image des vollbärtigen Travel-Bloggers passt, scheint auch das musikalische All-Inclusive-Angebot der Festival-Giganten der Nullerjahre ausgedient zu haben.

Den meisten reicht es längst nicht mehr, mit der warmen FAXE-Dose und „HELGA“-schreiend über einen gigantischen Zeltplatz zu laufen.

Da in unserer Zeit ja bekanntlich nichts mehr Selbstzweck sein darf, soll auch die Eskalation während des dreitägigen Festival-Besuchs den Hauch des Exklusiven umwehen.


Way Back When bringt eine ordentliche Dosis Indie-Pop in den Pott!

Genau in diese Marktlücke stoßen die sogenannten „Boutique-Festivals“, die bewusst eine Nische besetzen und sich über ihre Selektivität charakterisieren.

Dabei kann sich diese Selektivität in der Konzentration auf ein bestimmtes Genre, eine besonders schöne Location oder in einem ausgefallenen Konzept äußern. 


Indoor-Boutique Festival

Die Veranstalter des „Way Back When“ bezeichnen ihr Festival selbst als „Indoor-Boutique-Festival“, wohl hauptsächlich da es in drei überdachten Venues im domicil, FZW und in der Pauluskirche stattfindet, die alle in der City liegen und fußläufig voneinander zu erreichen sind.

Das Prädikat „Boutique“ deutet zudem daraufhin, dass sich das Line-Up auf das in den letzten Jahren gerne mal totgesagte Indie-Genre und all seine folkigen oder elektronischen Spielarten fokussiert.

Nun ja, falls Indie-Rock wirklich im Sterben liegen sollte, dann ist das „Way Back When“ eine vielversprechende Wiederbelebungsmaßnahme. 

WayBackWhen


Text: Patrick Zemke

Foto: Louis Rohde