Interkulturelle Vielfalt

29.01.2020

Die New Yorkerin Carol Strauss trägt Dortmund fest in ihrem Herzen

Es ist ein Bild, das es in Dortmund so nicht mehr zu sehen gibt: Der Berliner Künstler Alexander Dettmar hat für seine Ausstellungsreihe „Painting to remember – Zerstörung deutscher Synagogen“ auch die Dortmunder Synagoge künstlerisch rekonstruiert. Dass dieses Gemälde nun seinen festen Platz in Dortmund gefunden hat, ist der Amerikanerin Carol Strauss zu verdanken. 

Schenkung eines Gemäldes der ehemaligen Synagoge an die Stadt Dortmund

Alexander Dettmar, Prof. Dr. Ursula Gather, Carol Strauss und OB Ullrich Sierau bei der Schenkung des Gemäldes

Künstler Alexander Dettmar, Prof. Dr. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität Dortmund, Carol Strauss und Oberbürgermeister Ullrich Sierau (v.l.) während der Schenkung des Gemäldes im Dortmunder Opernhaus. ©Roland Gorecki

Carol Strauss, ehemals "Executive Director" des Leo Baeck Institutes in New York, ist Nachfahrin des jüdischen Dortmunder Juristen Alfred Kahn und seiner Frau Lotte Landau, die 1938 aus Deutschland fliehen mussten. Sie hat sich dafür stark gemacht, das Gemälde nach Dortmund zu bringen. Dort, wo es ihrer Meinung nach hingehört. Es soll erinnern und mahnen, damit der Platz der ehemaligen Synagoge – dort, wo heute das Dortmunder Opernhaus steht – nicht in Vergessenheit gerät. „Dortmund überrascht. Dich“ hat mit Carol Strauss gesprochen: über ihre Eltern, das Gemälde und Dortmund - eine Stadt, mit der sie sich fest verbunden fühlt.


Interview mit Carol Strauss

Carol Strauss

Carol Strauss hat eine enge Verbundenheit zu Dortmund. ©Carol Strauss

Dortmund überrascht. Dich: Frau Strauss, Sie haben der Stadt Dortmund ein Öl-Gemälde des Künstlers Alexander Dettmar aus der Reihe „Painting to remember – Zerstörung deutscher Synagogen“ geschenkt. Das Bild zeigt eine künstlerische Rekonstruktion der Alten Synagoge, die sich am heutigen Standort des Dortmunder Opernhauses befand und 1938 von den Nazis zerstört wurde. Haben Ihre Eltern und Großeltern die Synagoge besucht?

Carol Strauss: Ja. Ich habe die Synagoge natürlich selbst nie erlebt - aber meine Eltern und Großeltern haben sie erlebt und viel davon erzählt. Meine Mutter sang schon als junge Frau in dem Chor der Synagoge, meine Großeltern waren angesehene Unterstützer und Mitglieder der Gemeinde. Als ich das Bild von Alexander Dettmar von der Synagoge sah, berührte es direkt mein Herz. Ich dachte sofort, dass es an den Platz gehört, wo die Synagoge einmal stand. Aber Herr Dettmar war damals nicht bereit, das Bild zu verkaufen.


Dortmund überrascht. Dich: Wie haben Sie Herrn Dettmar dann doch überzeugen können?

Carol Strauss: Alexander Dettmar und ich kennen uns schon seit vielen Jahren. Er wurde mir damals in Berlin vorgestellt, als Künstler, der viele von den zerstörten Synagogen in Deutschland gemalt hat. Als ich manche von den Bildern sah, wollte ich sofort eine Ausstellung in der Galerie des Leo Baeck Instituts in New York organisieren, wo ich damals als "Executive Director" arbeitete. Wir haben die Ausstellung gemacht - eine tolle Ausstellung, die wunderbare Kritik bekommen hatte! Mittlerweile hat Herr Dettmar schon zahlreiche Ausstellungen in ganz Deutschland gehabt und wir sehen uns so oft wie möglich und bleiben in regelmäßigen Kontakt. Es war allerdings sehr schwer, ihn zu überzeugen, das Bild zu verkaufen. Als ich allerdings mit Oberbürgermeister Ullrich Sierau und mit Dr. Ursula Gather (Rektorin der Technischen Universität Dortmund, Anm. d Red.) sprach und beide bekräftigten, dass das Gemälde einen wunderbaren Platz in Dortmund hätte, war er schließlich einverstanden. Er war dann auch bei der Schenkung dabei und hat dort auch zu seinem Gemälde gesprochen.

Dortmund überrascht. Dich: Sie haben während der Schenkung im Foyer des Dortmunder Theaters das Bild enthüllt. Welche Emotionen waren dabei?

Carol Strauss: Es war für mich ein bedeutender Moment! Die Stelle, an der das Bild enthüllt wurde, ist eine Stelle, die zwei Seiten hat. Dort konnte man sehen, wie viel Vertrauen die jüdische Gemeinde um 1900 von der Stadt genoss, dass sie so ein wunderbares Gebäude bauen konnte. Doch dann wurde die Synagoge zerstört, der jüdischen Gemeinde ihre Zukunft genommen. Das gerade an dieser Stelle und trotz allem, was passiert war, so eine enge Kooperation mit  der Stadt Dortmund möglich ist, macht mich stolz. Auch die Worte von Oberbürgermeister Sierau und Frau Dr. Gather während der Schenkung haben mich sehr gerührt. Das Gemälde ist nun an seinem richtigen Platz.

Dortmund überrascht. Dich: Sie waren jahrzehntelang „Executive Director“ des Leo Baeck Institutes in New York City, das die Geschichte und Kultur deutschsprachiger Juden dokumentiert. Sie haben stets dafür geworben, die Artefakte aus dem Archiv von New York nach Berlin zu bringen. Warum?

Carol Strauss: Genauso, wie ich dachte, dass der richtige Ort für das Gemälde von Herr Dettmar in Dortmund ist, dachte ich - und denke immer noch - das der richtige Ort für die Sammlung vom Leo Baeck Institut in Deutschland ist. Die Geschichte des Instituts und der Sammlung musste in New York, London und Jerusalem anfangen, aber inzwischen gibt es kaum noch deutsche Juden in New York. Und unsere Geschichte ist eine deutsche Geschichte. Juden waren deutsche Bürger - haben im ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, waren enorm wichtig in der Entwicklung der deutschen Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft. Deshalb denke ich, dass das Archiv des Leo Baeck Instituts seinen endgültigen Platz in Deutschland finden sollte, damit jedes Schulkind lernen kann, was für eine wichtige Rolle die jüdischen Mitbürger für die Geschichte ihres Landes gespielt haben.

Dortmund überrascht. Dich: Sie leben in New York, sind dort auch geboren, sprechen aber von ‚einer engen Verbundenheit‘ zu Dortmund. Gibt es in Dortmund etwas, das es in New York nicht gibt?

Carol Strauss: In New York bekommt man fast alles. Was ich dort aber nicht bekomme, ist das Gefühl für die Wurzeln meiner Eltern. In Dortmund haben meine Eltern ihr Leben begonnen, dort wurden sie erzogen. Dortmund war ihre Heimat – und die Erinnerungen daran werden mich immer mit Dortmund verbinden.