Kultur

13.05.2020

Stadtbeschreiberin Judith Kuckart: Dortmund ist nachts die schönste Stadt der Welt

Dortmunds erste Stadtbeschreiberin, Judith Kuckart, wird aufgrund der Corona-Krise erst ab August 2020 nach Dortmund kommen. Ursprünglich hatte sie ihr Stipendium im Mai antreten wollen. Ihre für den 15. Mai geplante Auftaktlesung im Literaturhaus soll trotzdem stattfinden – allerdings ohne Live-Publikum. „Dortmund überrascht. Dich“ hat mir ihr gesprochen: wie sie die Zeit im Lockdown verbracht hat, warum ausgerechnet Hörde ein Schwerpunkt ihrer literarischen Arbeit werden soll und was sie an Dortmund überrascht hat.

Dortmunder Stipendium für Stadtbeschreiber*innen

Postkarte Dortmund Eissalon 50er Jahre

Diese Postkarte eines Dortmund Eis-Stands in den 50er-Jahren bewahrte Judith Kuckart aus dem Nachlass einer Tante auf. ©Privat

Seit diesem Jahr vergibt die Stadt Dortmund jährlich ein Stadtbeschreiber*innen-Stipendium. Inhaltlicher Schwerpunkt ist die Transformation Dortmunds von der Stadt der Montanindustrie zum Standort von Wissenschaft, Technik und Dienstleistungen. Im August 2020 wird die Wahl-Berlinerin und gebürtige Schwelmerin Judith Kuckart für sechs Monate nach Dortmund ziehen und arbeiten. Kuckart verbrachte einen prägenden Teil ihrer Kindheit bei Verwandten in einer Bergarbeiter-Siedlung in Dortmund-Hörde, wo sie heute noch Familie hat. Hörde will sie auch zum Schwerpunkt und Schauplatz ihrer literarischen Arbeit machen. Wohnen wird Judith Kuckart in der Dortmunder Nordstadt.

Online-Lesung: „Kein Sturm, nur Wetter“

Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter" Buchcover

Cover des aktuellen Romans von Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter". ©DuMont Buchverlag

Eine wichtige Anlaufstelle ist für die studierte Literatur- und Theaterwissenschaftlerin das Literaturhaus am Neuen Graben im Kreuzviertel. Dort wird sie auch am 15. Mai aus ihrem aktuellen Roman „Kein Sturm, nur Wetter“ lesen. Die Lesung wird ab 19.30 Uhr live via Stream übertragen, weitere Infos zur Online-Lesung gibt es unter www.literaturhaus-dortmund.de

Anlässlich ihrer Online-Lesung hat das Team von „Dortmund überrascht. Dich“ mit Judith Kuckart gesprochen: Wie sie die Zeit im Lockdown verbracht hat, warum ausgerechnet Hörde ein Schwerpunkt ihrer literarischen Arbeit werden soll und was sie an Dortmund überrascht hat.


Kurzinterview mit Judith Kuckart

Judith Kuckart

Schriftstellerin Judith Kuckart verbrachte einen prägenden Teil ihrer Kindheit in Dortmund-Hörde. ©Burkhard Peter

Dortmund überrascht. Dich: "Sie haben über ihren aktuellen Roman 'Kein Sturm, nur Wetter' gesagt, es gehe unter anderem darum, '(...)dass man Konstanten im Leben braucht'. Durch die aktuelle Corona-Lage sind viele Konstanten in unser aller Leben weggebrochen. Sie ziehen nun später als geplant nach Dortmund, bleiben länger in Berlin. Wie nutzen Sie die Zeit?"

Judith Kuckart: "Ich arbeite in Berlin, wo ich lebe, an einer Geschichte, an der ich sonst in Dortmund weiter gearbeitet hätte. Viel hat sich da also nicht geändert. Schreiben kann man überall."

Dortmund überrascht. Dich: "Am 15. Mai lesen Sie im Literaturhaus aus Ihrem Roman - allerdings ohne Live-Publikum. Ist das besonders herausfordernd?" 

 Judith Kuckart: "Eine Herausforderung ist das nicht direkt. Die Herausforderung bei Lesungen sind ja die Leute, die zuhören. Ich werde mir die Zuhörer vorstellen. Das geht. Nur die Anzahl ist mir noch nicht klar…. Siebzehn? (schmunzelt)"

Dortmund überrascht. Dich: "Hörde soll ein Schwerpunkt Ihrer literarischen Arbeit während des Stipendiums werden. Sie haben als Kind viel Zeit in Hörde verbracht. Wann waren Sie das letzte Mal dort und wie empfinden Sie die Wandlung des Stadtteils?"

Judith Kuckart: "Vor zwei Jahren war ich wieder in Dortmund, wohnte bei meiner Cousine am Winterberg 72, ging auf den PEN Kongress (Kongress verschiedener Schriftsteller*innen-Organisationen, Anm. d. Red.) und am Samstagnachmittag zum Freundschaftsspiel des BVB gegen den 1. FC Köln. Abends bummelten die Cousine und ich um den  PHOENIX-See. Es gibt hier Probleme mit den Enten, sagte sie und zündete sich eine Zigarette an. Den Weg zurück liefen wir durch ein paar Straßenzüge, die wie unter einer Zeitglocke neben den neuen Häusern rund um den PHOENIX-See lagen - diesem neunen Wohnort ohne Seele, diesem schönsten Ausflugsziel in Dortmund?
Was denn nun? Schon klar, die Stadt hat sich extrem verändert. Was wird uns die Zukunft minus Kohle lehren? 
Mit meiner Cousine sitze ich in Hörde am Sonntag nach dem Samstagsspiel mit einer Tasse Filterkaffee auf den Stufen zur Veranda, wo früher die zwei Onkel saßen, die am  Hochofen arbeiteten. Hier sitzt niemand mehr auf den Stufen, sagt die Cousine. Ihre türkischen Nachbarn kommen vorbei und grüßen. Eine Woche später, wieder Sonntag, kommt eine Email: 'Sitze wieder mit Kaffee auf den Stufen und die Erdogans nebenan sitzen auch dort, trinken auch Kaffee. Am Fenster gegenüber scheint die alte Frau Hackbarth zu überlegen, ob sie nicht auch mit Kaffee rauskommt.'"

Dortmund überrascht. Dich: "Sie kommen nun im August nach Dortmund, werden in der Dortmunder Nordstadt leben - warum dort?"

Judith Kuckart: "Ich bin ja nicht auf Urlaub in Dortmund. Ich bin die Stadtbeschreiberin. Und mehr Dortmund als in der Nordstadt geht nicht, oder?"

Dortmund überrascht. Dich: "Könnten Sie folgenden Satz vervollständigen? 'Überraschend an Dortmund ist'…" 

Judith Kuckart: "… dass Dortmund nachts die schönste Stadt der Welt ist."