Interkulturelle Vielfalt

03.11.2016

Das Projekt "Home Stories" – geflüchtete Menschen und ihr neues Zuhause 

Unsere Bloggerin Fee ist mein Name im Gespräch mit Initiatorin Alexandra Breitenstein. 

Alle Bilder in diesem Blogpost sind dem Projekt entnommen und stammen von Alexandra Breitenstein.

Ein Zuhause zu haben, bedeutet für jeden von uns etwas anderes. Für die einen ist es die Heimat, die Stadt, das Land, aus dem sie stammen oder auch ein Ort, den frei sie gewählt haben. Für andere sind es die Menschen um sie herum, egal ob Freunde oder Familie – Menschen, die ihnen am Herzen liegen. Und nicht zuletzt sind es oft die Wohnungen und Häuser, in denen wir leben, gefüllt mit Erinnerungen, mit Persönlichem, Dingen, die wir gewählt haben, die uns etwas bedeuten, die uns gefühlt repräsentieren, die uns ein Gefühl der Geborgenheit geben. Manchen reichen wenige dieser Dinge, andere scharren so viele davon um sich, wie nur möglich. So oder so: Ein Zuhause, egal in welcher Form, ist zumeist existentiell für das eigene Selbstverständnis. Ohne ein Zuhause (oder sei es auch nur die Möglichkeit eines Zuhauses) ist es kaum möglich, (s)einen Platz in dieser Welt zu finden. Und das gilt nicht nur rein praktisch (dadurch, dass eine Teilnahme an unserer Gesellschaft mehr oder weniger an einen festen Wohnsitz gekoppelt ist), sondern auch für die innere Verortung in der Welt. Was bedeutet es also für einen Menschen, wenn ihm dieses Zuhause für immer entrissen wurde? Wenn er kein Land mehr hat und erst recht keine Wohnung mehr, kein Hab und Gut, wenn er Freunde und Familie ganz oder teilweise zurücklassen musste? Und was bedeutet es ihm, wenn er die Möglichkeit bekommt, zumindest eine erste, neue Unterkunft zu bekommen, etwas Eigenes, etwas, das möglicherweise der Start in ein neues Zuhause und ein neues Leben ist. Oder zumindest die Hoffnung auf ein solches.

Als vergangenen Sommer die großen Flüchtlingsströme nach Europa kamen, war das öffentliche Interesse groß. In allen Ausprägungen dessen, was Interesse in diesem Kontext bedeuten kann, positiver wie negativer Natur. Viele wollten helfen, viele haben es vielleicht auch kurz getan, viele sind danach aber auch wieder in ihren Alltag zurückgekehrt, ohne dass die Menschen, die nun zu unserem Alltag gehören, jetzt eine deutlich größere Rolle in ihrer Wahrnehmung spielen als zuvor. Ich nehme mich davon nicht aus und ich versuche auch nicht, mich nun dafür zu rechtfertigen. Aber es gibt eben auch Menschen, die drangeblieben sind. Menschen, die sich nach wie vor engagieren oder auch erst später damit begonnen haben. Ich bewundere das.

Einer dieser Menschen ist Alexandra Breitenstein. Die Dortmunder Designerin und Künstlerin hat gemeinsam mit der Journalistin Renate Gaßmann und der Bildredakteurin Sabrina Karakatsanis das Online-Projekt "Home Stories – unsere neuen Nachbarn" ins Leben gerufen, das es sich zum Ziel gemacht hat, geflüchtete Menschen zu porträtieren, die mittlerweile in Dortmund ein neues Zuhause gefunden haben. Menschen, die aus Sammelunterkünften in eigene kleine Wohnungen oder Wohngemeinschaften ziehen konnten. "Home Stories" hebt einzelne Schicksale und einzelne Geschichten aus der Menge heraus und gibt den geflüchteten Menschen so ein Gesicht. Oder besser: viele Gesichter. Und tut das im Kontext ihres jeweiligen, neuen Zuhauses.

Ich bin nur zufällig über das Projekt gestolpert und denke, dass es noch viel mehr Öffentlichkeit gebrauchen kann, als es ohnehin schon bekommen hat. Die Geschichten, die hier erzählt werden, sind wichtig, egal ob man in Dortmund wohnt oder woanders. Denn sie sind stellvertretend für so viele andere Menschen, überall dort draußen. Und sie helfen uns dabei, ein bisschen besser zu verstehen, wer diese Menschen sind und was sie bewegt. Denn persönlicher Kontakt ist vermutlich immer noch viel zu selten. Ich kann daher jedem nur wärmstens ans Herz legen, sich ein wenig Zeit für die Porträts auf "Home Stories" zu nehmen. Und habe zudem Alexandra Breitenstein zu einem Interview gebeten, um noch ein wenig mehr über das tolle Projekt zu erzählen. Vielen Dank dafür und für die spannenden Antworten.

Was hat dich zu dem Projekt inspiriert? Was willst du damit erreichen?         

Es hat mich irgendwann fürchterlich genervt, dass alle immer nur über die Menschen reden, die dazu gezwungen sind, zu uns nach Europa zu fliehen – aus welchen Gründen auch immer. Man redet nicht schlecht über Leute, die man nicht kennt. Meine Idee war, eine Plattform zu schaffen, die diesen Menschen eine Möglichkeit gibt, selbst zu erzählen, was mit ihnen passiert ist. Und zu zeigen, was sie erreicht haben, trotz ihrer schwierigen Lage. Jeder von ihnen ist ein Bezwinger extrem widriger Umstände: ein Held, kein Schmarotzer.

Ich habe die Idee dann weiterentwickelt und zwei befreundete Kreative zur Unterstützung mit ins Boot geholt. Unsere Webseite bietet auch Menschen, die vielleicht Vorbehalte haben, eine Gelegenheit, in die Materie einzutauchen – und diese Menschen aus der Distanz und doch in einer irgendwie 'persönlichen' Atmosphäre kennenzulernen.


Foto: Alexandra Breitenstein

Was bedeutet "Zuhause" für dich? Und was bedeutet "Zuhause" für die Geflüchteten, die du kennengelernt hast?

Für mich persönlich bedeutet 'Zuhause', einen Ort zu haben, an dem ich mich regenerieren kann. Ich bin in der privilegierten Lage, ein eigenes Zuhause zu haben, deshalb fühle ich mich auch manchmal woanders zu Hause. Da, wo meine Freunde sind, wo ich kreativ sein kann, wo genau die Atmosphäre herrscht, die mir Energie gibt. Zuhause ist für mich also ein dehnbarer Begriff.
Die Menschen, die ich interviewe, haben ihren Alltag, ihre Freunde, Arbeitskollegen, ihre Familien zurücklassen müssen – alles, was einen Menschen ausmacht. Sie können in dieser Hinsicht nicht so frei sein wie ich, auch wenn sie nun wieder 'ein eigenes Zuhause haben'. Sie starten am Punkt Null, es ist ein vorsichtiges Herantasten, sehr oft auch ein täglicher Kampf. Damit sie irgendwann wieder auf dem Level sind, auf dem sie vorher waren.
 
Wie lernt Ihr die Porträtierten kennen und wie reagieren sie auf Euer Anliegen?

Die meisten Kontakte zu potentiellen Interviewpartnern kommen durch das ehrenamtliche Dortmunder Projekt Ankommen e.V. zustande. Der Verein unterstützt uns auch durch Begleitung zu den Interviews und das Organisieren von Dolmetschern.

Viele sind erst mal skeptisch, da sie natürlich mitbekommen, wie negativ in der Presse über sie berichtet wird. Es gab auch schon Interviewpartner, die in letzter Minute abgesagt haben, da sie ihre Geschichte nicht in der Öffentlichkeit sehen wollten. Was völlig in Ordnung ist. Die meisten aber sind sehr interessiert und lassen sich das Ganze von uns ausführlich erklären. Uns ist wichtig, dass jeder mit dem einverstanden ist, was später auf der Webseite gezeigt wird. Dieses Einverständnis erhalten wir auch schriftlich von jedem Interviewpartner. 


Foto: Alexandra Breitenstein

Wie geht Ihr an ein solches Interview heran? Habt Ihr Standardfragen oder führt Ihr eher offene Interviews?

Jeder unserer Interviewpartner bringt seine eigene Geschichte mit – Standardfragen sollte es also nicht geben. Gibt es aber natürlich, denn viele sind zum Beispiel über das Mittelmeer oder die Balkan-Route nach Deutschland geflohen sind. Wir versuchen, in jedem Interview andere Fragen zu stellen, um den persönlichen Erlebnissen gerecht zu werden, und es trotz manchmal ähnlicher Erlebnisse noch interessant für die Leser zu machen. Oft fragen wir nach Unterschieden zwischen dem Leben im Herkunftsland und in Deutschland: dem Alltag, Gewohnheiten, was man in der Freizeit so machte, wie man wohnte und so weiter. Wir glauben, dass man den Lesern auf diese Weise eher begreiflich machen kann, was diese Menschen zurücklassen mussten. Denn auch sie hatten ja mal einen ganz normalen Alltag.

Gibt es eine oder auch mehrere Geschichten, die dich besonders beeindruckt haben? Wieso?

Ich mag erst mal alle Geschichten, es ist unglaublich ermutigend, wie viel Grauen, Horror, kurzum: wie viel kranken Scheiß diese Menschen ertragen mussten! Und trotzdem sind sie noch in der Lage, lachen zu können. Manche Geschichten mag ich persönlich ein bisschen mehr als andere, aber nicht wegen den Inhalten, sondern weil ich inzwischen mit einigen von unseren Interviewpartner/innen befreundet bin. Wenn man jemanden näher kennenlernt, wird es auch persönlicher, noch emotionaler. Man erfährt nach und nach mehr Details, die im Interview nicht zur Sprache gekommen sind, weil sich derjenige noch nicht ganz öffnen konnte.


Foto: Alexandra Breitenstein

Mit welchen Gefühlen siehst du dich während der Interviews konfrontiert?

Man sollte, wenn man jemanden interviewt, möglichst immer professionell und sachlich bleiben. Aber manchmal erfährst du dabei so viele furchtbare Dinge, dass es schwerfällt. Deine Freunde sind tot? Deine Familie auch oder sie ist weit weg und du machst dir Sorgen? Du bist total pleite, weil du dein ganzes Geld irgendwelchen Schleppern in den Hals stecken musstest? Komm her, ich nehm' dich in den Arm und wir heulen 'ne Runde zusammen! Da muss man einfach auf Professionalität scheißen.

Hast du während deiner Arbeit an dem Projekt Ablehnung erfahren? Entweder selbst, aufgrund deiner Arbeit daran, oder mittelbar, indem du sie bei den Betroffenen beobachtet hast?

Wir haben im Zuge unserer Social Media Arbeit eine Facebook-Kampagne für das Projekt geschaltet und die Summe an Kommentaren menschlichen Abschaums war wirklich beeindruckend. 

Das reichte von 'Die kommen hierher und können ja viel erzählen' bis zu 'Untersteht euch, die Flucht unserer Großeltern mit denen zu vergleichen, das sind alles nur Terroristen!'.
Aber auch schlechte Werbung erzielt meistens einen Effekt – die Webseite war übermäßig gut besucht während der Kampagne. Wir hoffen, dass wir so wenigstens einige der Menschen mit xenophobischen Anwandlungen dazu bewegen konnten, sich auf einer anderen Ebene mit dem Thema auseinanderzusetzen.


Foto: Alexandra Breitenstein

Es ist ja leider so, dass die Menschen, die hier aus Not in Deutschland Asyl beantragen, immer in der Beweispflicht stehen. Wie soll man so etwas beweisen? Solche Geschichten denkt sich doch keiner aus!

Was denkst du, wie die Menschen, die die Interviews lesen und die Bilder betrachten, sie empfinden? Als positiv und mit Aufbruchsstimmung versehen? Oder vielleicht auch teilweise als bedrückend? Denkst du, dass du diese Wahrnehmung beeinflusst? Und wie entscheidest du, was du von den Menschen und ihrem Leben zeigst?

Was wir von den Menschen selber und ihrem Leben zeigen, entscheiden wir immer zusammen mit ihnen. Nicht jeder möchte sein Badezimmer im Internet sehen. Nicht jeder möchte dort nachlesen, wie ihm auf der Flucht seine Zähne ausgeschlagen wurden.

Viele unserer Leser geben uns persönlich Feedback, sie sind berührt, bewegt, fühlen sich den Geflüchteten aber so auch menschlich näher. Es ist ja nicht immer einfach, persönlich mit jemandem, den man nicht kennt, in Kontakt zu treten, nicht nur wegen eventuell vorhandener sprachlicher Barrieren. Was wir aber immer wieder als Rückmeldung bekommen, ist Dankbarkeit. Von unseren Interviewpartnern, weil sich jemand dafür interessiert, wie ihr Leben aus der Bahn geworfen wurde. Und von unseren Lesern, weil wir ihnen eine Möglichkeit geben, sich behutsam an diese 'neuen Nachbarn' und ihre Geschichten herantasten zu können. Das macht uns stolz, denn genau das ist es ja, was wir mit unserem Projekt erreichen möchten.

Foto: Alexandra Breitenstein

Ihr zeigt, wie die Menschen hinter deinen Geschichten wohnen, sprecht aber nicht (oder nur kaum) mit ihnen darüber. Wie passt das zusammen?

Das passt gut zusammen. Jedes unserer Interviews ist eine Collage aus Eindrücken, eine Mischung aus Erzählung und Fotografien. So können unsere Leser sich einen besseren Eindruck darüber verschaffen, wie unsere Interviewpartner jetzt hier leben. Unser Projekt produziert gewissermaßen klassische Home Stories, aber anders als in diesen High-End-Produktionen macht es hier wenig Sinn, über den schicken Teppich oder den Nippes auf dem Regal zu reden, denn das ist nicht das eigentlich wichtige Thema. Wenn du aber alles verloren hast, kann es sehr es wichtig sein, wieder einen Teppich, ein Sofa, ein Bett, etwas Nippes im Wohnzimmerregal zu haben. Denn alle diese kleinen Details formen dein Zuhause, geben ein Gefühl von Intimität, von Normalität. Wir versuchen, diese Details zu einem Ganzen zu verbinden.


Bleibt ihr mit den Porträtierten in Kontakt?

Wir versuchen, möglichst mit jedem in Kontakt zu bleiben, um die weitere Entwicklung zu verfolgen. Vor allem, da noch nicht alle unserer Interviewpartner einen positiven Asylbescheid haben. Wenn möglich, veröffentlichen wir unter den Interviews kurze Nachträge, z.B. wenn jemandem die Abschiebung droht oder er bleiben darf, um weiter zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Ich selber bin mit einigen der Interviewpartner/innen inzwischen befreundet, viele bieten uns auch ihre ehrenamtliche Hilfe als Dolmetscher bei weiteren Interviews an. Was wir gerne annehmen, denn keiner von uns spricht z.B. besonders gut arabisch.


Foto: Alexandra Breitenstein

Hat das Projekt DICH verändert? Wenn ja, wie?

Ich persönlich bin extrem dankbar, dass ich in einem Land geboren bin, in dem ich nicht befürchten muss, dass morgen eine Bombe mein Zuhause zerstören könnte. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche. Wir haben das alle. Und das sollten wir zu schätzen wissen. Anstatt uns ständig darüber zu beschweren, dass es uns jemand wegnehmen könnte.

Ich bin durch HOME STORIES weniger tolerant gegenüber Menschen geworden, die so denken. Denn diese Menschen nehmen uns nichts weg, es ist genug für alle da. Und es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu informieren, nicht nur unser Projekt. Ein supergutes Beispiel ist der syrische You-Tuber Firas Alshater, der soeben sein Buch 'Ich komme auf Deutschland zu' veröffentlicht hat. Er erklärt die Unterschiede zwischen der deutschen und der syrischen Gesellschaft mit Humor und Leichtigkeit, obwohl er viel Gewalt erleben musste. Ich empfinde durch die Geschichten, die mir meine Interviewpartner/innen erzählen, mehr und mehr Respekt für sie. Und verstehe immer weniger, wie manch anderer sich durch irgendwelche abstruse Facebook-Posts verblenden lässt.

Was sind Eure weiteren Pläne rund um "Home Stories"?

Wir würden gerne unser Projekt aus dem Web ins 'Real Life' bewegen – also die Bilder und Texte in einer Wanderausstellung zeigen. Momentan stellen wir dazu Förderanträge, suchen nach Sponsoren. So können wir auch Menschen erreichen, die sich eher wenig online bewegen.


Foto: Alexandra Breitenstein

"Fee ist mein Name" und so heißt auch mein Blog, auf dem ich über alles schreibe, was mich glücklich macht. Und das ist eine ganze Menge: DIYs & Reiseberichte, Musik, Rezepte & Lomografie. Außerdem zelebriere ich immer wieder meine Zuneigung zum Ruhrpott und speziell zu Dortmund.
Der verbindende rote Faden ist schließlich meine Liebe zum Schreiben und Fotografieren mit der meine Posts erst an Form gewinnen. Mein Ziel: Etwas von meiner Freude überspringen zu lassen. Auf meinem Blog und nun auch hier.

Bloggerin und leidenschaftliche Fotografin: Fee-Jasmin Rompza

Fee ist mein Name

Alle zwei Wochen schreiben hier ganz unterschiedliche Dortmunder Blogger in einem Gastbeitrag über "ihr" überraschendes Dortmund.
Mit dabei sind die Blogger von Dortmunderisch, Fee ist mein Name, Zwillingsnaht und Nordstadtblogger.