Interkulturelle Vielfalt

30.06.2017

Gedanken zur Nordstadt: Ein Interview mit Bildungsforscher Prof. Aladin El-Mafaalani

Ein Interview über die mediale Darstellung und die veränderten Herausforderungen insbesondere an der Kinder- und Jugendarbeit der Dortmunder Nordstadt.

Die Nordstadt ist regelmäßig Thema in überregionalen Medien. Meist wird ein negatives Bild gezeichnet. Alexander Völkel von den Nordstadtbloggern hat mit Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, Bildungsforscher und Integrationsexperte der Fachhochschule Münster, über die mediale Darstellung und die veränderten Herausforderungen insbesondere an die Kinder- und Jugendarbeit der Dortmunder Nordstadt gesprochen.

Frage: Die Nordstadt sorgt regelmäßig bundesweit für negative Schlagzeilen. Was machen wir falsch? Brauchen wir etwa den ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky als Berater?

Aladin El-Mafaalani: Das ist purer Schwachsinn: Neukölln hat im Vergleich mit der Nordstadt einen deutlich geringeren Ausländeranteil und eine niedrigere Arbeitslosen- und SGB II-Quote und war für die Polizei tendenziell deutlich gefährlicher als die Nordstadt.

Eigentlich sollte Buschkowsky nicht hier beraten, sondern beraten werden. Jemand, der kaum etwas anderes gemacht hat, als 16 Jahre seinen Stadtteil schlecht zu reden, ist eindeutig der falsche Berater für die Nordstadt.

Die Nordstadt verschafft also vielen Menschen Aufstiegsmöglichkeiten und Perspektiven? 

In Punkto Bildung hat sich die Nordstadt stärker verbessert als die Gesamtstadt Dortmund.

Auch bei der Arbeitsmarktintegration. Die Nordstadt ist also überhaupt keine Sackgasse, sondern ein Stadtteil mit hoher Armutskonzentration, aber gleichzeitig mit sehr vielen eingebauten Schleusen. Dadurch haben wir hier eine ziemlich hohe Fluktuation in der Bevölkerung.  

Durch diese vielen Schleusen verlassen viele junge Menschen die Nordstadt. Bildung macht Menschen fitter, flexibler und mobiler.

Deshalb sind Engagement und Investitionen im Bildungsbereich unverzichtbar und absolut positiv zu bewerten. Aber man verbessert damit nicht die Sozialstruktur des Stadtteils.

Was macht denn die Nordstadt aus Sicht des Wissenschaftlers so besonders? 

Statistisch gesehen ist die Nordstadt ein extremer Stadtteil. Bei Einkommen, Altersstruktur, Arbeitslosigkeit und Ausländeranteil stellen wir im Vergleich zur restlichen Stadt extreme Abweichungen fest.

Wenn Reporter von außerhalb durch die Mallinckrodt- und die Münsterstraße laufen, dann sehen sie etwas, was man in Hamburg nicht so ohne weiteres sieht.

Was ist denn anders - im Vergleich zu anderen Ankunftsstadtteilen? 

Anders als in anderen wachsenden Städten hat es in Dortmund für die untere Mittelschicht oder die Besserverdienenden nicht den Zwang gegeben, in der Nordstadt zu wohnen.

Aber Schleusen sind doch gut! 

Schleusen sind gut, haben aber eine bestimmte Funktion. In dem Stadtteil wurde enorm in den Ausbau von Schleusen investiert, was bedeutet, dass man es vielen Menschen ermöglicht, aufzusteigen auf die höhere Ebene. Gleichzeitig sorgt die Strategie dafür, dass der Ebenen-Unterschied insgesamt erhalten bleibt.  

Schließlich investiert man in Menschen, nicht in eine Anhebung des Stadtteils insgesamt. Das muss man sich klarmachen. Nur dann sieht man die enormen Erfolge der Vergangenheit. Will man den Stadtteil insgesamt anheben, muss man zusätzlich zu den Bildungsinvestitionen ganz andere Dinge tun.

Sie sprechen von Gentrifizierung?

Gentrifizierung, also eine enorme Aufwertung eines ehemals benachteiligten Stadtteils – wie in Hamburg,

Köln oder Berlin – wird es in Dortmund mittelfristig nicht geben. 

Ich brauche nur einen Euro pro Quadratmeter mehr, um nicht in der Nordstadt zu wohnen. Deshalb gibt es die starke Segregation. Segregation entsteht hauptsächlich durch die Wohnortentscheidungen derjenigen, die wirklich eine freie Wahl haben – wer arm oder von Armut bedroht ist, hat keine Wahl. Doch das sei nur die halbe Wahrheit: Gleichzeitig sind ganz viele andere Dinge nicht problematisch. Denn die Nordstadt müsste eigentlich die Hochburg der Gewalt und der Kriminalität sein - ist sie aber nicht. Statistisch müsste es viel schlimmer sein. 

Sind denn alle Bemühungen ins Leere gelaufen? Was hat sich verändert?

Bei allen Bemühungen hat sich bei der Sozialstruktur auf längere Sicht nichts verbessert.

Aber eine moderate Verbesserung ist möglich. Es wäre schon super, wenn man einen Teil der Aufsteiger in der Nordstadt halten könnte.  Das gelingt aber nur, wenn der Stadtteil auch für erfolgreiche Menschen zwischen 25 und 40 Jahren attraktiv wird. Diese Menschen interessieren sich nicht nur für Kitas und Schulen. Und die Menschen brauchen Arbeitsplätze in allen Segmenten. Der Wohnraum und das Wohnumfeld müssen attraktiver werden. 

Blicken wir also auf die falschen Menschen, um die Nordstadt noch vorne zu bringen?

Wenn man eine hohe Armutskonzentration als problematisch ansieht und sich stattdessen eine stärkere Durchmischung wünscht, dann muss man einen Stadtteil attraktiv für ganz verschiedene Gruppen machen.

 

Und sie müssen die Illusion beiseite schieben, dass sich die Situation irgendwann komplett umkehrt.

Die entsprechenden Kennziffern sind weiterhin stabil auf hohem Niveau. Aber das liegt an einem Paradoxon:

Der Stadtteil verbessert sich nicht, weil man relativ erfolgreich ist.  

In der Nordstadt haben die Bildungs- und Qualifikationsbemühungen viel bewegt. Doch wer erfolgreich ist, wandert wieder weg - meist in den Süden Dortmunds oder in wirtschaftlich stärkere Städte.

Die Früchte der Arbeit ziehen im großen Ausmaß fort. Und dafür gibt es dann wieder Zuzüge in die Nordstadt von anderen benachteiligten Personen. 

Das passiert nur sehr selten und war selten strategisch beabsichtigt gewesen oder erzwungen worden.  

Worin sehen Sie zudem die zukünftigen Herausforderungen in der Nordstadt?

Früher gab es vor allem drei große Gruppen: Die Türkei- und die Polenstämmigen sowie Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Menschen waren stärker vernetzt, es gab soziale Kontrolle und damit wurde der Stadt viel Arbeit abgenommen.

Mittlerweile gibt es viel mehr unterschiedliche Gruppen - Menschen aus 180 Ländern leben in der Nordstadt. Vernetzung und soziale Kontrolle nehmen dann ab. Das ist dann gerade für Ordnungs- und Sicherheitskräften eine Herausforderung. Genauso wie die hohe Fluktuationsrate

Die hohe Fluktuationsrate bedeutet aber auch, dass viele Menschen aufsteigen. 

Die hohe Fluktuation ist gut und schlecht. Es zeigt, dass die Nordstadt eben keine Sackgasse ist. Aber auch, dass man keine Stabilität hinbekommt. Die Erfahrung machen Sicherheitskräfte genauso wie Sozialarbeiter. Innerhalb von wenigen Jahren haben sie es mit einer komplett neuen Klientel zu tun. Aber eine starke Armutskonzentration bei gleichzeitig geringer Fluktuationsrate wäre ganz deutlich ungünstiger. 

Es wurde zuletzt kontrovers über die Nordstadt berichtet. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, das kann ich. 

Wenn ich mit Studierenden der Sozialen Arbeit an der FH Münster Exkursionen in die Nordstadt gemacht habe, war es immer ähnlich: Die Hälfte hat sich noch vor Ort um einen Praktikumsplatz bemüht, weil diese Leute es so faszinierend fanden; ein Viertel konnte die Eindrücke weder positiv noch negativ bewerten; das letzte Viertel hat kategorisch ausgeschlossen, in einem solchen Umfeld zu arbeiten und hat sogar ein Studiengangswechsel in Betracht gezogen.  

Hier in der Nordstadt arbeiten überwiegen Menschen, die die positiven Seiten sehen. Anders sieht es aus, wenn Menschen aus privilegierten Stadtteilen in Hamburg, Hannover oder Stuttgart in die Nordstadt kommen. Das ist nicht selten ein Schock.


Hat die Nordstadt also zwei Gesichter?

Ja. Und beide stimmen: Die Nordstadt ist sowohl die konzentrierte räumliche Realität von Armut, sozialer Ungleichheit und vielen sozialen Problemen, als auch ein dynamischer Chancenraum voller vielfältiger Angebote – nicht nur kulinarisch und kulturell.

Hier in der Nordstadt hat sich auch eine pädagogische Kultur entwickelt, in der Innovationen und Konzepte entstehen. 

Der Handlungsdruck ist groß. Kompetenz und Engagement sind konzentriert. Das hat natürlich Vorteile und ist messbar erfolgreich – heute mehr als früher. Das ist eine positive Bilanz. Auch wenn man es weder in der Statistik noch im Straßenbild sieht. 

Die Nordstadtblogger sind erfahrene Journalistinnen und Journalisten, die aus der und über die Nordstadt berichten und auch auf gesamtstädtische Themen schauen.

Die Seite wurde im März 2013 von Alexander Völkel, ehemaliger Redakteur und Redaktionsleiter der Westfälischen Rundschau, gegründet. Er betreibt die Nachrichten-Seite ehrenamtlich. Zu den – ebenfalls ehrenamtlichen – Autoren und Fotografen gehörten bzw. gehören u.a. Klaus Hartmann, Susanne Schulte, Joachim vom Brocke,  Claus Stille, Clemens Schröer, Leopold Achilles, Leonie Krzistetzko, Mariana Bittermann, Roland Klecker, Marcus Arndt, Stella Venohr und Wolf-Dieter Blank. 

Den Nordstadtbloggern geht um journalistische Neugier, spannende Themen, interessante Menschen und kritische Berichterstattung. Die Nordstadt hat eben viel zu bieten. Und uns geht es um Vielfalt in der medialen Einfalt.



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