Kultur,  Urbanes Zentrum

12.06.2018

Tresenfilmfestival ist entschieden

AUS! AUS! AUS! Das 8. Dortmunder Tresenfilmfestival ist beendet, das Publikum hat entschieden: Der Goldene Bierdeckel 2018 und 1.000 Euro Preisgeld gehen an den Film „Meinungsverschiedenheiten" von Jannick Seeber. Auf den folgenden Plätzen: „The Gunfighter“ von Eric Kissack und „Meine Beschneidung“ von Arne Arens.

Meinungsverschiedenheiten
Spielfilm, D-2014, 4 Min.
Sprache: Deutsch
Regie: Jannick Seeber
Produktion: Kunsthochschule Kassel

Das Festival

Mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Sie ist immer subjektiv, auch wenn man sie selbst als objektive Wahrheit verkauft. Im besten Falle decken sich zwei subjektive Erinnerungen und ergeben dasselbe Bild. Doch MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN von Jannick Seeber erzählt nicht von einem solch besten Fall. Folgendes ist passiert: Zwei Männer erinnern sich, wie sie in einem Aufzug steckenbleiben. Bei ihnen eine Frau. Auch sie erinnert sich. Doch obwohl die Geschichte gleich beginnt, wird sie sich in ihrem Verlauf nicht in dieselbe Richtung bewegen. Aber wer hat nun Recht? Mann Nummer eins? Mann Nummer zwei? Die Frau? Oder vielleicht jemand ganz anderes?

Kurz, knapp und mit einem präzisen Gespür für Timing erzählt Jannick Seeber alias Jan Riesenbeck von der Krux der Erinnerung. Geschickt montiert er die Aussagen der Beteiligten hinter- und nebeneinander, lässt die Protagonisten ihre Sätze vollenden, ergänzen, negieren und bestätigen. Dabei kann sich auch der Zuschauer nie sicher sein, welche Version denn nun die richtige ist. Das jedoch ist auch gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist das kurzweilige Vergnügen, dass dieser vierminütige Kurzfilm beim Zusehen bereitet. Und der mit einer Schlusspointe überrascht, die man so nun wirklich nicht erwartet.

Prädikat:  „besonders wertvoll“

In der Begründung der Jury (Deutschen Film- und Medienbewertung) heißt es dazu: In welchem Maße können wir mit unseren zwangsläufig subjektiven Sichtweisen überhaupt die Wirklichkeit erkennen? Diese existentielle Frage stellt Jannick Seeber in seinem Kurzfilm MEINUNGSVRESCHIEDENHEITEN und er hat eine zugleich originelle und frappierend einfache Form gefunden, um sie zu verdeutlichen: Drei Menschen schildern eine Situation, die sie gemeinsam durchlebt haben. Sie blieben in einem Fahrstuhl stecken und was in diesen Minuten passiert ist, schildert jeder von ihnen anders. Die drei Darsteller werden bei ihren Befragungen während einer Verhandlung gefilmt, und zwar in genau gleich kadrierten (französisch: le cadre, der Rahmen, filmwissenschaftlicher Begriff) Einstellungen. Ihre Aussagen werden dann so fragmentiert und montiert, dass sie bei jedem Detail der Geschichte gegenseitig ergänzen oder widersprechen. Zum Teil werden Sätze von einem Protagonisten begonnen und von einem anderen beendet. Das ist mit einem präzisen Timing inszeniert und die Darsteller spielen in diesem im wahrsten Sinne des Wortes engen Rahmen natürlich und wirken dadurch authentisch. Der Effekt ist amüsant, optisch reizvoll und durch ihn entsteht ein beachtlicher erzählerischer Sog. Der Film endet mit einer schön gesetzten, sehr witzigen Pointe. So ist er zugleich unterhaltsam und hat eine philosophische Tiefe, die angenehm unprätentiös vermittelt wird.

Das Festival

In Dortmund gibt es jede Menge Bars und Kneipen, die mit Beamern und Leinwänden ausgestattet sind, um in standesgemäßer Atmosphäre die Spiele des BVB zu übertragen. Ist die Bundesligasaison vorbei, bleiben über die gesamte Stadt verteilt eine Menge „kleiner Kinos“ zurück, jedes mit seinem ganz eigenen Ambiente und seinem ganz persönlichen Stammpublikum. Diese kleinen Kinos eine ganze Woche lang mit einem guten, anspruchsvollen und unterhaltsamen Kurzfilmprogramm zu bespielen, macht sich das Dortmunder Tresen-Filmfestival jedes Jahr zur Aufgabe.

Die Genres

An jedem der insgesamt fünf Tage zeigt das Festival unterschiedliche Kurzfilmprogramme mit Beiträgen aus allen Genres. Das Spektrum reicht von Low-Budget-Filmen kleiner Independent-Produzenten über Produktionen von Dortmunder Filmemachern bis hin zu hochkarätig besetzten und mit renommierten Filmpreisen wie dem Studenten-Oscar ausgezeichneten Kurzfilmen.

Pils statt Sekt

Präsentiert werden Filme mit großer filmischer Qualität, aber - eben typisch Dortmund - ganz ohne Sektempfang und roten Teppich, sondern mit Pils am Tresen und einer guten Portion Understatement. Es gibt Lustiges, Albernes, Ehrliches, Herzzerreißendes, Existenzielles, Erfundenes, Übertriebenes und die ein oder andere wahre Geschichten aus dem echten Leben zu sehen - Themen, die sich an jedem guten Tresen zu Hause fühlen.