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05.04.2017

200 Jahre Zweirad und Europas größtes E-Bike Festival in Dortmund: Ein Urknall auf zwei Rädern

200 Jahre Zweirad. In diesem Jahren hat sich viel gewandelt. Sei es in Nutzung oder in der Technologie. Doch die Idee zum Fahrrad und die Idee zum heute immer beliebteren E-Bike liegen gar nicht weit auseinander...

Das zweite E-Bike Festival Dortmund steht unter einem besonderen Stern: Vor 200 Jahren erfand Karl Drais das Zweirad. Es markiert den Beginn eines neuen Zeitalters.

Mit seinem Zweirad löste Karl Drais eine automobile Kettenreaktion aus, die bis heute anhält.

Das weltweit größte E-Bike Festival findet zum zweiten Mal in Dortmund statt. Immer mehr Menschen können sich für diese besondere Art der Fortbewegung begeistern.

Wenn Dortmund vom 7. bis 9. April 2017 zum zweiten Mal zum Zentrum der elektromobilen Fortbewegung auf zwei Rädern in Europa wird, ist das auch der Verdienst eines gewissen Karl Drais.

Im Frühsommer 1817 schwang sich der Erfinder vor dem Mannheimer Schloss auf ein Gefährt mit zwei Rädern und rollte, die Beine wie beim Laufen bewegend, aber auf der merkwürdigen Apparatur sitzend, über die gepflasterte Allee.

Der erste Zweiradausflug der Geschichte erregte einiges an Aufsehen. Doch erst Jahrzehnte später wird klar, was er wirklich bedeutet. Michael Leischner, Leiter der Koordinierungsstelle Klimaschutz im Umweltamt Dortmund und Mitglied im Organisationskomitee des E-Bike Festivals, stuft die Erfindung so ein:

"Mit seinem Laufrad katapultierte Karl Drais die Welt in ein neues Zeitalter der autonomen Fortbewegung."


Das ist keineswegs übertrieben. Wer bis zur Erfindung von Karl Drais mobil sein wollte, dem boten sich nur Laufen, Reiten oder Kutschfahrten an. Drais legte den Grundstein für eine neue Form der Automobilität. Zwei Jahrhunderte später sind Zweiräder nicht mehr wegzudenken.

In Dortmunder Garagen oder Kellern stehen rund 400.000 Fahrräder, bundesweit sind es 72 Millionen. Rund ein Drittel aller Dortmunder tritt regelmäßig in die Pedale, dies immer öfter gestützt von einem E-Motor.


"E-Bikes sind die vorerst letzte Stufe der Zweirad-Evolution, die Karls Drais einst angestoßen hat"


Sagt Michael Leischner, der selbst begeisterter Fahrradfahrer ist und wie Drais aus Karlsruhe stammt.


Vom Förster zum Tüftler

Ironie der Geschichte: Während das Umweltamt Dortmund heute mit dem E-Bike-Festival dazu beiträgt, dem Klimawandel auf individuelle Art ein Schnippchen zu schlagen, reagierte Drais mit der Erfindung seines Zweirades ebenfalls auf die Folgen von Klimaveränderungen.

Missernten hatten damals den Preis für Hafer in die Höhe getrieben, der Unterhalt für die Mobilitätsgaranten, die Pferde, wurden immer teurer. 1816 bescherte der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora Europa eine weitere Missernte und eine schlimme Hungersnot, der zahlreiche Pferde zum Opfer fielen. Auf der Suche nach einer Alternative zum Pferd erdenkt Drais das Zweirad. Dabei ist Karl Drais eigentlich nicht Erfinder, sondern Forstinspektor. Nach dem Gymnasium besucht er ein Forstlehrinstitut, belegt zwischendurch einige technische Seminare an der Universität Heidelberg, bevor er 1807 seine Abschlussprüfung als Förster besteht.

Danach tritt er eine Stelle als Forstinspektor an. Vier Jahre später wird er mit vollen Bezügen beurlaubt. Weshalb, ist unklar. Vermutlich, so schreibt der Drais-Biograf und Technikhistoriker Hans-Erhard Lessing, eckte der Technikbegeisterte zu sehr an.


Gesichert ist, dass der 26-Jährige zurück in das Elternhaus in Mannheim zieht. Als Privatier kann Drais seiner Neigung freien Lauf lassen - der Techniknerd wird zum Tüftler. Er ersinnt einen Klavierrekorder, eine Schnellschreibmaschine für 16 Buchstaben und eine Fahrmaschine mit vier Rädern.

Schließlich gibt er bei einem Wagenmacher den Bau seines Zweirades in Auftrag. Fast die gesamte Konstruktion – Gestell, Lenker, Sitz und auch die Räder – ist aus Holz gefertigt. Das Urfahrrad hat keine Pedale, der Fahrer stößt sich wie bei einem Laufrad mit den Füßen am Boden ab.

Am 12. Juni 1817 zeigt sich Karl Drais mit der Laufmaschine erstmals in der Öffentlichkeit. Der Volksmund findet für sie später den Namen "Draisine" oder auch "Veloziped". Rund 14 Kilometer weit fährt Drais über die gepflasterte Prachtchaussee vom Mannheimer Schloss ins benachbarte Schwetzingen und wieder zurück. Nur eine knappe Stunde benötigt er für die Strecke. Damit ist Drais mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern unterwegs - schneller als die Postkutsche.

Zweiradverbot auf Gehsteigen

Schnell verbreitet sich Drais Idee. Nicht nur in der Heimat, auch in England, Amerika und anderen Ländern nehmen Enthusiasten sie auf. Der Boom währt allerdings nur kurz. Weil die Straßen von Kutschen zerfurcht und schlammig sind, weichen die Zweiradchauffeure auf die glatteren Gehwege aus. Dort aber geraten sie mit Fußgängern aneinander.

Mehrere Städte verbieten daraufhin Zweiräder auf Gehsteigen. Den Anfang macht - nur wenige Monate nach Drais‘ erster Fahrt im Frühjahr 1817 – die Stadt Mannheim, 1818 dann folgt Paris, 1819 London, New York und Kalkutta. Immerhin belegen die Verbote, dass die Zweiräder sich weltweit ausbreiten. Drais selbst hat davon allerdings wenig. Zwar erhält er das Recht, Lizenzen für den Bau seiner Laufmaschine zu verkaufen. Oftmals aber wird seine Erfindung kopiert, ohne ihn zu fragen.

Noch anderes steht dem Durchbruch entgegen. Drais gilt seinen Zeitgenossen als Sonderling, sein Gefährt, das sich nur Betuchte leisten konnten, als gefährlich. Auch Drais selbst glaubt nicht an einen Erfolg seines Laufrades. Weit mehr Zeit und Geld investiert er in die Vermarktung andere Erfindungen.


Zum Beispiel einer Stenografiermaschine oder eines muskelkraftbetriebenen Schienengefährts, heute ebenfalls als Draisine bekannt. Mit keiner seiner Erfindungen aber hat er Glück. Weil er sich im Vorfeld der deutschen Revolution als Demokrat outet, streicht ihm der Staat Baden dann auch noch seine Pension. 1851 stirbt Karl Drais als armer Mann.

Die Anerkennung kommt erst nach seinem Tod. 1893 stellt Drais' Geburtsstadt Karlsruhe ihm zu Ehren ein Denkmal auf. Das Zweirad ist da längst ein Massenfortbewegungsmittel. Seinen Durchbruch erlebt es ab 1861, als der Franzose Pierre Michaux einer Draisine Pedalen verpasst. Die befinden sich zunächst am Vorderrad, ab Ende der 1870er-Jahre dann sind sie zwischen Vorder- und Hinterrad angebracht, per Kette wird die Muskelkraft auf das Hinterrad übertragen – das moderne Fahrrad ist geboren.

Mit modernen E-Bikes müssen Pedalisten ihre Muskeln heute weit weniger anstrengen. Mit dem E-Bike Festival Dortmund, dem größten Event seiner Art in Europa, feiert die Szene einen ihrer Höhepunkte und trägt zugleich dem Klimaschutzgedanken Rechnung. Karl Drais hätte sicher seinen Spaß.

  

Dortmunder Fahrraddaten

Zahl der Fahrräder pro 1.000 Einwohner: 705

Zahl der Fahrräder pro Haushalt: 1,34 (Zum Vergleich: Zahl der PKW pro Haushalt: 0,97)

Länge des Radwegenetz: 646 Kilometer

Anteil der E-Bikes: 3 Prozent

Anteil der Dortmunder, die ihr Fahrrad einmal  wöchentlich oder öfter nutzen: 29 Prozent. Die eifrigsten Radfahrer sind Kinder und Jugendliche (von 6 bis 9 Jahren 59 Prozent; von 10 bis 17 Jahren 49 Prozent). Zum Vergleich: In der "Fahrradhauptstadt" Münster nutzen 78 Prozent der Einwohner mindestens einmal wöchentlich ihr Fahrrad, in Essen sind es ebenfalls 29 Prozent.

Nutzung des Fahrrads nach Stadtbezirken: Die Bewohner der Dortmunder Innenstadtbezirke West und Ost steigen am häufigsten aufs Rad

E-Bike Festival Klima ist Heimspiel


Fotos E-Bike Festival: Presse E-Bike Festival