Am 15.09.2018 fiel der Startschuss für die Pink Floyd Ausstellung "Their Mortal Remains" im Dortmunder U.

Aubrey Powell war langjähriger Album-Cover Designer von Pink Floyd und ist Co-Kurator der „The Pink Floyd Exhibition".

In einem Interview spricht der Designer über seine Arbeit mit Pink Floyd und insbesondere über die Exhibition im Dortmunder U.

Aubrey Powell und Nick Mason bei der offziellen Pressekonferenz zur Pink Floyd Ausstellung

Aubrey Powell und Nick Mason bei der offziellen Pressekonferenz zur Pink Floyd Ausstellung

Interview mit Aubrey Powell

Interviewer (I):

Was war für Sie der Grund diese Ausstellung zu entwickeln? Ist es eine Liebeserklärung an Pink Floyd oder die Bewahrung ihres künstlerischen Schaffens?


Aubrey Powell (AP):

Es ist definitiv nicht nur Liebeserklärung. Letztes Jahr war das 50. Jubiläum von Pink Floyd und dieses Jahr feiern wir meine fünfzigjährige Zusammenarbeit mit Pink Floyd. Und das ist doch ein perfekter Anlass!  

Historisch und kulturell gesehen hat Pink Floyd mit 50 Jahren Existenz einen wichtigen Meilenstein in ihrer Karriere erreicht – von daher war es an der Zeit für eine Ausstellung. Vor knapp fünf Jahren kam ich auf diese Idee und habe die darauffolgenden Jahre an der Ausstellung gearbeitet, die dann im Victoria and Albert Museum in London eröffnete.

Dort kam die Ausstellung ausgezeichnet bei den Gästen an. Ich denke, dass die Ausstellung so besonders ist, weil sie die Einzigartigkeit von Pink Floyds Bühnenshow und Musik perfekt vermittelt. Roger Waters beschrieb die Liveauftritte stets als ein „elektrisches Theater“ – in anderen Worten: die Liveshows waren stets ein großes Spektakel, bei denen jede Kleinigkeit zelebriert wurde.

Am meisten freut mich an der Ausstellung, dass auch junge Menschen, die nicht mit Pink Floyd aufgewachsen sind, diese besuchen und sehr begeistert sind und dazu noch viel lernen. Zum Beispiel wie Pink Floyd anfing elektronische Musik zu komponieren, wie sie begannen interessante Texte zu schreiben, wie sie politisch wurden. Und für die ältere Generation, welche Pink Floyd kennt, ist die Ausstellung wie ein Ausflug in die Vergangenheit. Die Ausstellung ist einfach was für jeden!


Interviewer (I):

Wie hat die Band auf Ihre Idee, eine Ausstellung zu entwickeln, reagiert? Haben Sie die Band um Erlaubnis gebeten?


Aubrey Powell (AP):

Natürlich! Ich sprach mit der Band über meine Idee. Wir kommen alle aus Cambridge und kennen uns seitdem wir Teenager waren. Später haben wir zusammen in London gelebt und letztendlich auch zusammen gearbeitet. Ich habe einige Albumcover für Pink Floyd entworfen, darunter auch „The Dark Side of the Moon“. Aufgrund all dieser Verbindungen haben wir ein starkes und gutes Vertrauensverhältnis.

Und als ich zu der Band ging und ihnen erzählte, dass ich eine Ausstellung über sie plane, meinten diese „Wenn du das hinbekommst, wäre das der Wahnsinn!“. Sie haben mir quasi eine Blankovollmacht gegeben. Also konnte ich meine Ideen frei ausleben und das machen, was ich wollte. 


Interviewer (I):

Lassen Sie uns über die Rolle eines Albumcovers reden. Wie wichtig ist dies Ihrer Meinung nach für die Musik?


Aubrey Powell (AP):

In den 1970er Jahren kam den Albumcovers eine große Bedeutung zu. Damals gab es noch kein Spotify, kein Youtube und kein MTV. Es gab lediglich ein paar Magazine und Zeitungen, die über Rock ‘n‘ Roll Bands berichteten. Das Albumcover wurde zu einer visuellen Übersetzung des Bandimages und des Gefühls, welches die Band überbringen wollte. Sie gaben den Fans – kombiniert mit der Musik – eine Ahnung, worum es bei der Band ging und was sie zu sagen versuchten.

Wir haben das nicht gemacht: wir haben nur selten auf die Musik, auf den Text oder auf den Titel des Albums gehört, sondern ganz frei gestaltet. Dies erkennt man zum Beispiel an dem Cover von „Mother“: Es ist ein Bild von einer Kuh – ohne Interpret oder Titel auf dem Cover. Das ist ein sogenanntes Non-Cover. Das machte jedoch alle neugierig und jeder wollte mehr über die Band wissen: Wer ist diese Band? Was bedeutet die Kuh auf dem Cover?

Das Cover von „The Dark Side of the Moon“ symbolisiert dagegen inzwischen die Band Pink Floyd und ihre einzigartigen Lichtshows auf den Konzerten. Die Band war sehr rätselhaft und nur wenige Leute wussten, wie die Mitglieder von Pink Floyd aussahen. Während der Liveshows wurden sie von all den Lichtern und Klängen verdeckt und fotografiert wurden sie auch nur selten. „The Dark Side of the Moon“ visualisiert also zum einen Pink Floyds Lichtershows und zum anderen verdeutlich die Triangel die Zusammengehörigkeit und das Gefühl, dass es ausschließlich um die Musik ging. Die Albumcover wurden über die Jahre hinweg nahezu ikonisch behandelt und machten deutlich, was die Band dem Fan bedeutete. Die Fans kauften sich die Alben und schauten sich diese ausführlich an und fingen an über diese nachzudenken.

Und jetzt sind Schallplatten zurück! In den letzten Jahren übertrafen die Verkaufszahlen der Schallplatten wieder denen der CDs und DVDs. Schallplatten sind heute genauso wichtig wie in den 1970er Jahren und das Albumcover hat diesen Zeitraum glücklicherweise überlebt. Wer hätte damals gedacht, dass das Cover von „The Dark Side of the Moon“ heute noch so bekannt sein würde wie damals? Also ja: Albumcover sind – und bleiben! – sehr wichtig.


Interviewer (I):

Erinnern Sie sich an den Moment, an dem Sie die Inspiration für „The Dark Side of the Moon“ bekamen?


Aubrey Powell (AP):

Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Moment. Ich war in den Abbey Road Studios, um mit Pink Floyd und meinem Kollegen Storm Thorgerson über das neue Cover zu sprechen und Pink Floyd sagte: „Können wir nicht etwas Einfaches nehmen, wie eine simple Schokoladenschachtel oder irgendetwas symbolisches?“.

Danach verließen Storm und ich die Studios ein wenig verunsichert und deprimiert, da so etwas gar nicht unser Stil war. Ein paar Tage später blätterte ich zufällig durch französische Physikmagazine und auf einer Seite war ein Bild von einem Briefbeschwerer aus Glas abgebildet. Durch das einströmende Sonnenlicht vom Fenster entstand ein Regenbogen. Storm schaute mich an und sagte: „Ich hab’s! Es wird ein Triangel mit einem weißen Licht und durch die Reflektion entsteht ein Regenbogen.“

Wir kritzelten also unsere Idee auf eine Papierserviette und fuhren sofort zu den Abbey Road Studios und präsentierten es der Band. Und so war das, so einfach.


Interviewer (I):

Ist „The Dark Side of the Moon“ Ihr liebstes Albumcover?


Aubrey Powell (AP):

The Dark Side of the Moon” ist nicht mein Favorit. Um ehrlich zu sein bevorzuge ich das Cover zu „Wish You Were Here“. Man sieht einen brennenden Mann – den ich wirklich angezündet habe!

Wissen Sie, „Wish You Were Here“ thematisierte die Abwesenheit und Unaufrichtigkeit innerhalb der Musikbranche. Und ich habe mich gefragt, was wohl ein besseres Symbol dafür sein könnte, als zwei Businessmänner, die sich anlässlich eines Deals die Hände schütteln, während einer in Flammen aufgeht. Und das ist die Symbolhaftigkeit des Bildes.

Damals fragte mich Pink Floyd, wie ich die Idee umsetzen möchte, wie ich es also hinbekommen möchte, einen Mann anzuzünden. Ich flog nach Los Angeles, wo ich einen Stuntman traf, der auf Stunts mit Feuer spezialisiert war, und ich zündete ihn an. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als wir das Bild endlich aufgenommen hatten.


In der aktuellen Ausstellung ist das Album Cover zu "Wish you were here" in Übergröße abgebildet.

In der aktuellen Ausstellung im Dortmunder U ist das Album Cover zu "Wish you were here" in Übergröße abgebildet.

Interviewer (I):

War Pink Floyd für Sie ein „gewöhnlicher“ Kunde?


Aubrey Powell (AP):

Ja und nein.

Ich meine, ich habe viele Cover für „Hipgnosis“ (Grafikdesignagentur mit Storm Thorgerson) entworfen, wir arbeiteten zusammen mit Paul McCartney, den Beatles und den Rolling Stones – aber mit Pink Floyd war es einfach, weil wir Freunde waren.

Wir waren uns alle sehr ähnlich: wir hatten den gleichen Sinn für Humor, wir hatten die gleichen Ansichten, Vorbilder und Einflüsse. Wir hörten alle dieselbe Musik, mochten dieselben Filme und gingen zusammen auf Kunstausstellungen.


Interviewer (I):

Und jetzt sind Sie die künstlerische Leitung einer großen Ausstellung, das war ein langer Weg.


Aubrey Powell (AP):

Ja, das ist der Wahnsinn!

Ich hatte eine tolle Karriere – nicht nur mit Pink Floyd, sondern auch durch viele andere Dinge und Menschen beeinflusst. Aber toll finde ich, dass wir unsere Verbindung als enge Freunde und als Arbeitspartner gepflegt und beibehalten haben. Wir arbeiten schließlich seit 50 Jahren zusammen. Das ist ein großartiges Gefühl!

Die Ausstellung ist eine Hommage für Pink Floyd und für mich. In der Ausstellung sind auch viele Werke von mir – ich sorge für das Visuelle und Pink Floyd für die Musik. Das ist sehr emotional für mich. Als ich das erste Mal die fertiggestellte Ausstellung sah, hatte ich Tränen in den Augen und ich denke so manches Bandmitglied von Pink Floyd ebenfalls. 


Interviewer (I):

Warum denken Sie, dass die Ausstellung so gut zu Dortmund und dem Dortmunder U passt?


Aubrey Powell (AP):

Zunächst einmal ist das Gebäude perfekt! Das Dortmunder U ist optimal für die Ausstellung. Es hat die richtige Größe und eine moderne Ausstellung braucht ein modernes Gebäude. Es erfüllt all die Rahmenbedingungen, die wir für wichtig erachten.

Dortmund ist Pink Floyd besonders in Erinnerung geblieben: Roger Waters spielte hier 1981 „The Wall“ und zu der Zeit erreichten wir den Höhepunkt unserer Karriere. Ich denke, das ist eine Art symbiotisches Gefühl. Damals hatte Pink Floyd das Angebot in Berlin oder München eine Show zu spielen, aber sie sagten: „Nein, lass uns nach Dortmund“. Demnach ist hier eine große Fangemeinde von Pink Floyd.

Außerdem hat Pink Floyd immer für den „Arbeiter“ Musik gemacht, und von Beginn an kostenlose Konzerte gespielt. In einem Arbeiterumfeld  zu sein war für Pink Floyd immer wichtig. 


Interviewer (I):

Was für Erinnerungen haben Sie an Dortmund, als Sie 1981 während eines „The Wall“-Konzertes hier waren?


Aubrey Powell (AP):

Die „The Wall“-Tour war etwas Einzigartiges! Eine Show wie diese gab es zuvor noch nie – niemand hatte bisher eine 100 Meter breite und 20 Meter hohe Mauer auf einer Bühne gesehen.

Es war stets ein schockierendes Moment, wenn Roger Waters vor der Mauer stand, die Band nicht zu sehen war – sie stand hinter der Mauer – und dann Mauer die zusammenbrach. Die Symbolik, insbesondere in Deutschland, stellte eine Mauer zwischen Menschen dar, die nicht miteinander kommunizieren können. Jeder kann das nachvollziehen.

Ich denke, dass wir wegen der Teilung von Ost und West nach Deutschland kamen. Außerdem schreibt Roger Waters Texte über Politik, Menschen und Beziehungen, und das berührte die Menschen zu der damaligen Zeit wie auch heute.


Interviewer (I):

Wenn man die Ausstellung betritt, was sollte man als Erstes machen?


Aubrey Powell (AP):

Bevor Sie die Ausstellung besuchen, bekommen Sie zunächst Kopfhörer ausgehändigt, die einen an Pink Floyd angelehnten Soundtrack abspielen. Wenn Sie die Ausstellung schließlich betreten, werden Sie direkt mit einem Foto von dem Van, mit dem Pink Floyd einst reiste, konfrontiert und Sie sehen einen Originalbrief von Syd Barrett (Gründungsmitglied Pink Floyd) an seine Freundin, in dem er schreibt: „Wir haben einen weißen Streifen auf unseren Van gemalt“. Es ist naiv, aber auch eine schöne Erinnerung. Damit startet die Ausstellung und ab da an führt Sie ein Audio-Guide chronologisch durch alle Alben. Während der Erzählung lernt man Pink Floyd ganz neu kennen: persönliche Fakten, Musik und Videos, die zuvor noch niemand gesehen und gekannt hat.

Mein Highlight der Ausstellung ist aber der Raum, in dem „The Wall“ steht. Man sieht den „Teacher“, ein riesiges aufblasbares Modell von dem Lehrer mit dem Stock. In einem weiteren Fenster sieht man den originalen Stock von Roger Waters‘ Schule, mit dem er damals geschlagen wurde und dabei das Buch in dem notiert ist: „Roger Waters – 3 Schläge mit dem Stock“. Das ist eine direkte Beziehung zu vielen Artefakten, persönlichen Objekten, Büchern, Bildern und Briefen, die die Ausstellung zeigt, um zu verdeutlichen, was in Pink Floyds Leben passiert ist und wie dies die Band und ihr Schaffen beeinflusst hat.


Foto aus der Ausstellung: Hier bricht der "Teacher" durch die aufgebauten "The Wall"-Kulisse

Quelle Text und Video: Dortmunder U

Fotos: Thomas Kampmann